Ich vergebe mir …

Dieser Text kam mir nach einer kurzen Nacht, in Gedanken an meinen Mann.

Eben ist ein Lied daraus geworden, doch den Text möchte ich auch so mit Euch teilen:

 

Ich vergebe mir …

 

Ich vergebe mir all die Momente wo ich dich

als Projektionsfläche benutzt habe, ich hoffe du kannst es auch.

Ich vergebe mir all die Situationen die wir noch mal durchspielen mussten,

weil etwas noch nicht geheilt war, ich hoffe du kannst es auch.

Ich vergebe mir meine Sprunghaftigkeit, meine Neugier, meine Unentschlossenheit,

ich hoffe du kannst es auch.

Ich vergebe mir, dass ich dich oft zum BU Mann im Außen gemacht habe

statt im Inneren meinen eigenen schwarzen Peter zu sehen,

ich hoffe du kannst es auch.

Ich vergebe mir, dass ich selbst blind war und dir trotzdem

alles über die Farben des Regenbogens erzählt habe.

Und ich vergebe mir, dass ich schon mehr als einmal unser Ende ausgesprochen habe,

aus Angst du könntest es sonst tun.

Ich vergebe mir, dass ich nicht von Anfang an

deine Heiligkeit und Unschuld gesehen hab‘,

ich hoffe du kannst es auch.

Ich vergebe mir, dass mein Fokus so lange auf dem lag,

was mir fehlte, was du nicht machst oder kannst,

statt dankbar zu sein, für alles was du gibst,

was du hast und was du bist- ich hoffe du kannst es auch.

Ich vergebe mir, dass ich es als selbstverständlich angesehen habe,

dass du da bist-

ja ich danke dir dass du dein Leben mit mir teilst-

und ich hoffe du kannst es auch weiterhin.

Und ich danke dir, dass du meinen Kern gesehen hast,

obwohl 1000 Masken darüber lagen und du mich immer wieder

daran erinnerst, wer ich wirklich bin.

Ich vergebe mir, dass ich vergessen hatte,

wofür ich auf diese Welt gekommen bin.

ich hoffe- nein- ich weiß, du hast es schon,

jeweils einen Wimpernschlag danach.

Abschied

In diesem Jahr (2016) musste ich schon von zwei ganz wunderbaren Menschen Abschied nehmen,

sowohl von meinem langjährigen Freund und Musikpartner Peter Müller, der auch gleichzeitig der Besitzer des Tonstudios war, wo ich meine ersten 4 Cd’s aufgenommen habe und an der 5. gerade mitten drin war, als die Diagnose KREBS kam, die alles veränderte. Keine 60 ist Peter geworden. Zum Glück konnte ich ihm sein Lied, dass ich ihm gewidmet hatte noch zu Lebzeiten im Hospiz vorspielen. Ich habe noch nie Rotz und Wasser geheult beim Singen-, doch an dem Tag war es so. Als ich fertig war sah er mich an und sagte leise: „Sauber“, was aus seinem Mund die größte Anerkennung und Dank bedeutete.

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Peter und ich im Giramondi in Wetzlar 2005

Der zweite Schock dann im Juni: Tom Launhardt, der geniale Musiker, -Gitarrenbauer und Mensch wird auch viel zu früh von dieser Erde geholt.

2007 durfte ich in seinen Hallen meine erste Cd einweihen und er hat mir meine Gitarre gebaut, die ich nach ihm benannt habe. Mit jedem Ton den ich spiele ist er noch da.

Als ich während der Beerdigung auf der Kirchenbank saß, flossen die Eindrücke aufs Papier:

Den Cowboyhut auf den Sarg gelegt

die Besten sterben jung

die Mutter kann es nicht fassen

läuft verzweifelt um den Sarg herum.

 

Ja ich glaube sein Kind zu Grabe zu tragen

ist wirklich das Schlimmste das es gibt,

jemanden dem Himmel zu übergeben

den man austrug, groß zog und liebt.

Sein Sarg so schlicht wie er

kantig, warm und matt

die Stille zum Zerbersten laut,

trotz Musiker und Amps mit 1000 Watt.

Und die Rosen blühen weiter

die Kerzen spenden Licht

sein Bild erinnert an gute Tage

aus dem Sarg lugt ein Vergiss-mein-nicht.

Wo sind sie hin die Tage die voller Leben waren

hätte keiner gedacht das sein Leben gesegnet mit so wenig Jahren.

Und die Welt dreht sich weiter

ob du weiter spielst oder nicht

und immer wenn ich an ihn denke

seh‘ ich vor mir sein Gesicht,

hör‘ ich ihn lachen, seh‘ ihn Gitarren bauen

spüre wie er das Instrument belebt

seh‘ ihn aus begeisterten Augen schauen.

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Danke Tom! Juni 2008

 

 

 

 

Teilchen

Über Ostern waren wir auf Rügen

und dann kam mir der folgende Text.

Ob er ein Lied werden will,

hat sich noch nicht entschieden,

aber klar ist, das er nieder geschrieben werden wollte

und gelesen werden will:

 

Teilchen

 

Es gibt einen Teil in mir, der baut alles auf,

ein weiterer wirft sich zerstörerisch darauf,

ein anderer hat an allem was auszusetzen,

ein Teil ist Meister darin mich selbst zu hetzen.

Es gibt noch einen, der will die Welt schöner machen,

ein anderer ist neidisch auf andere und ihre Sachen.

 

Und all diese Teile ergeben irgendwie mein ich,

doch sitzen sie nie alle zusammen am Tisch.

Kommen ungefragt und stehlen sich durch die Hintertür

und manchmal frag ich mich: Wer kann da jetzt was für?

 

Da ist der Teil der immer besser als alle sein muss,

der der das letzte Wort hat kommt immer zum Schluss,

der Besserwisser kommt gern mit dem Perfektionist,

und manchmal bin ich das Teil das alles um sich vergisst.

 

Dann kommt ein Trauerteil im Kleid der Wut daher,

dies zu entlarven fällt anderen und mir gleich schwer.

Dann hab‘ ich gerade eine neue Sandburg gebaut

und „es“ springt aus dem Schrank, der alles zerhaut.

 

Und all diese Teile handeln im Namen meines ich

doch bekomme ich sie nie zusammen an einen Tisch.

Kommen ungefragt und stehlen sich durch die Hintertür

und manchmal frag ich mich: Wer kann da jetzt was für?

 

Es gibt noch den Teil der Lieder und Geschichten schreibt

und einen der oft zweifelt und nicht weiß wo er bleibt,

einen Kasper, der Teil, der alles ins Lächerliche zieht

und den, der das Wasser vor lauter Tropfen nicht sieht.

Der sparsame Spießer kommt auch manchmal zu Tisch

und wer oder was ist nun genau dieses ICH???

 

©Susann Charis März 2016

11. März 2015

In eine dünne Fleecedecke gehüllt kann ich meinen Kaffee, auf meinem kleinen, gemütlichen Balkon, der an meinem Musikzimmer hängt, in der Sonne sitzend, genießen.

Meine Haut saugt das Licht und die Wärme der Sonne auf, wie Wurzeln der Kakteen in der Wüste den Regen, der so selten durchs Sandreich sickert.

Die Vögel singen sich gegenseitig ihre Melodien vor, die sie sich im langen Winter, in den Zeiten, als es zu kalt zum Singen war, ausgedacht haben.

Der Bach am Ende unseres Grundstücks, auf den ich von hier oben sehen kann, ist auch nicht zu überhören. An ganz heißen Sommertagen ist er nur zu erahnen, nur wahrzunehmen, wenn man ihn kennt, wenn man weiß, wo er ist. Doch heute ruft er jedem zu: “Hey, hier bin ich- hier bahne ich mir meinen Weg und niemand hält mich auf.“

Wo ich auch hinschaue sind die Bäume noch kahl, doch ein einziger, dessen Gattung ich leider nicht kenne, hat vorgestern begonnen, sein Haupt mit kleinen Blättern in dem zartesten Grünton, den ich je gesehen habe, einzukleiden. Noch ist sein Kleid so zart, dass ich hindurch schauen kann, in ihn hinein und durch ihn durch, wie durch einen Vorhang aus Seide und Wind. Es scheint, als würde jedes einzelne Blättchen, die zarten Äste vor der starken Märzsonne schützen wollen. Die erste Bettwäsche hängt draußen, beim Nachbarn im Garten, zwei Grundstücke weiter.

Mein Kater gesellt sich zu mir, legt sich erst auf den Bauch, dreht sich dann auf den Rücken und lässt mit geschlossenen Augen die Sonne auf seinen schneeweißen Pelz scheinen. Der Lavendelstock zu meinen Füßen hat den Winter hier einsam stehend überlebt. Ich greife nach zwei Blättern und reibe sie sanft zwischen meinen Fingern. Sie haben nichts von ihrem Duft verloren, wie wunderbar dieser Duft nach wohligem Leben. Irgendwann stehe ich in einem Lavendelfeld, die Augen geschlossen, nichts hören, nichts sehen. Nur riechen und fühlen, das Leben und die Liebe spüren … .

 

Tschuuhh .. macht es, und noch einmal, als zwei Enten nacheinander im Ententeich landen, der auch von meinem „Hochsitz“ aus zu sehen ist. Im Nachbarhof gackert der Hahn ganz aufgeregt, da die Tage im Stall nun endlich gezählt sind, alle Hühner nun frei im Hof und Garten laufen und er nun gerade gar nicht weiß, welches Huhn er zuerst beglücken soll, mit seinem großen Kamm, auf den er so stolz ist. Er ist ein wunderschönes Tier- ein pechschwarzer Hahn mit blauschwarz schimmernden Federn und einem feuerroten Kamm.

Ich nehme einen Schluck Kaffee und halte für einen Moment inne, bevor ich ihn runter rinnen lasse und nach schmecke. Auch die Holzdielen genießen die Wärme. Ächzend knarrend breiten sie sich aus, strecken und recken sich nach dem langen Winterschlaf.

Eine kleine freche Wolke schiebt sich vor die Sonne. Die feinen Härchen auf meinen Armen stellen sich auf, meine Haut wird pickelig und erinnert an das Aussehen einer gerupften Gans.

Was so ein kleiner Nordwindschub und so eine kleine freche Wolke das Sommerfeeling von eben so schnell zunichte machen können und mich ganz schnell erinnern: es ist erst März.

17. Februar 2015

Neulich sprach mich jemand nach einem Konzert auf meine Gitarre an. Sie ist ein Unikat, gebaut von Tom Launhardt. Dieser jemand fragte mich, ob die Decke der Gitarre auch aus Fichtenholz sei. Ich erwiderte freundlich, dass ich das nicht wisse. Empört raunte er mir zu, dass ich das doch wissen müsste.

Ich hielt kurz inne und fragte ihn dann:“Müssen sie die Blutgruppe eines Menschen kennen, um ihn zu lieben?“

Sprachlos und kopfschüttelnd wandte er sich ab und ging.

Kennst Du das? Kennst Du das, das Leute Dir sagen, was Du doch wissen m u s s t?

Mir haben auch schon Menschen gesagt, das ich doch nach Noten singen können muss. Muss ich das? Ich kenne Menschen, die das können. Ich kann es nicht. Ich kann keine Noten lesen, weder zum Singen, noch zum Gitarre spielen, doch ich trage die Musik in mir, jeden Ton. Ich singe seit 40 Jahren, habe mir vor 16 Jahren noch das Gitarre spielen beigebracht, indem ich andere beobachtet habe, wie sie es machen. Ich habe die Musik schon mein ganzes Leben studiert, auch wenn ich an keiner Uni war. Ich liebe es zu singen, noch wie am ersten Tag. Der Zauber ist immer noch da, wenn meine Stimme ihre Flügel ausbreitet und die Worte auf Tönen durch die Luft fliegen lässt. Und ich liebe meine Gitarre, was für ein Holz ihre Decke auch hat, ich liebe sie.

1. Januar 2015

Hallo Welt,

heute ist ein ganz besonderer Tag, der erste Tag des Jahres 2015.
„Eigentlich“ (ich mag dieses Wort nicht und versuche es zu vermeiden, doch manchmal, so wie jetzt, benutze ich es ganz bewusst, weil mir kein geeigneteres einfällt) sollte („sollte“ ist auch so ein Wort, wie „müsste“, doch darüber schreibe ich ein anderes mal ausführlicher;-)  ) jeder Tag ein ganz besonderer Tag sein, denn jeder Tag gehört zum Rest unseres Lebens und keiner von uns weiß, wie lange sein „Rest“ noch ist.
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