Die Farbe grün

Unter den Top Ten meiner absoluten Lieblingsbücher ist das Buch „Der springende Punkt“ von Anthony de Mello, was mich nun schon 20 Jahre begleitet und ich in gewissen Abständen immer wieder aus meiner Nachttischschublade hole, um intuitiv eine Seite aufzuschlagen und zu lesen.

Am Samstag schlug ich die Seite 123 auf und las folgende Zeilen:

„Ein Mann, von Geburt an blind, kommt zu mir und fragt:“Was ist das, was man grün nennt?“-Wie beschreibt man jemandem die Farbe grün, der noch nie gesehen hat? Mit Hilfe von Analogien. Also antworte ich:“Die Farbe grün ist wie sanfte Musik.“ „Oh“ sagte er, „wie sanfte Musik.“ „Ja“ bestätige ich ihm, „sanfte und beruhigende Musik.“

Ein anderer Blinder kommt zu mir und fragt:“Was ist die Farbe grün?“ Ich erzähle ihm etwas von fließendem Satin, ganz glatt und angenehm anzufassen. Am nächsten Tag sehe ich, wie sich die beiden Männer gegenseitig Flaschen auf die Köpfe schlagen. Der eine sagt:“Es ist wie sanfte Musik“, der andere sagt:“Es ist wie glatter Satin.“ Und so geht es weiter. Keiner weiß, wovon er spricht- wüssten sie es, wären sie still. Genauso schlimm ist es, ja sogar noch schlimmer, denn wenn dieser Mann eines Tages das Augenlicht erhält, im Garten sitzt und um sich schaut, und sie ihm sagen:“Jetzt wissen sie auch, was die Farbe grün ist.“ wird er antworten:“Ja das stimmt. Ich habe heute morgen ein Stück gehört.“               (Quelle: Anthony de Mello, „Der springende Punkt“, 10. Auflage Herder Verlag)

 

Die Geschichte hat mich so berührt. So nehme ich gerade viele Menschen auf der Welt in Bezug auf das Thema „Corona“ wahr. Jeder zweite scheint es besser zu wissen als der erste und vom Flaschen auf den Kopf schlagen sind wir auch nicht mehr weit entfernt. Das macht Angst. Mir zumindest.